GOLF TIME 6/2021

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INTERVIEW | COVER

W it der Honda Classic in Palm Beach Gardens in Florida ver- bindet Camilo Villegas mehr als mit allen anderen Stationen auf der PGA Tour. Und das nicht nur, weil der 39-Jährige imNachbarort Jupiter lebt. Im März 2010 feierte er dort immerhin einen seiner insgesamt vier Siege auf der Tour. Zehn Jahre später war es eine der schwierigsten Turnierwochen seiner Kar- riere: Fast zwei Jahre war er davor wegen einer langwierigen Verletzung der rechten Schulter nicht mehr auf der Tour angetre- ten. Ausgerechnet in der Woche vor der Honda Classic 2020 zeigte sein einziges Kind, die am 26. September 2018 geborene Tochter Mia, ungewöhnliche Symptome: Sie weinte viel häufiger als üblich. Am Sonntag vor demTurnier wurde Mia dann imNicklaus Children’s Hospital inMiami untersucht. Die niederschmetternde Diagnose: Tumore an der Wirbelsäule und imGehirn. Trotzdem trat Villegas an; kein Wunder imNachhinein, dass er mit zwölf über Par den Cut klar verpasste. Was folgte, waren viereinhalb Monate zwischen Hoffen und Bangen. Mia wurde inMiami mehrfach mit Chemotherapie behandelt und fünfmal amGehirn operiert. Leider vergeblich. ImAlter von nur 22Monaten starb sie am 26. Juli 2020. Herr Villegas, wie hat sich Ihr Leben seit demTod Ihrer TochterMia ver- ändert?Was nehmen Siemit aus dieser schwierigen Zeit? Camilo Villegas: Es war eine unglaub- lich emotionale Phase. Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Ich hätte aber nie geglaubt, dass meine FrauMaria und ich aus unserem Schicksal so viel positive Energie gewinnen würden. Unsere Stiftung, die wir zu Ehren unserer Tochter in „Mia’s Miracles“ umbenannt haben, hat bereits viel Geld für karitative Zwecke gesammelt. Meine Frau, die einen großen Teil der Stiftungsarbeit leistet, und ich haben aus der Golfwelt, aber auch von außerhalb große Unterstützung erfahren. Wir wollen etwas zurückgeben an jene, die in Not sind und ein Lächeln brauchen. Das inspiriert mich in meiner weiteren Karriere als Golfer. Mia lebt in unseren Herzen weiter. Hilft Ihnen das Stiftungs-Engagement bei der Verarbeitung? CV: Meiner Frau auf jeden Fall. Sie küm- mert sich enorm um die Anliegen der Stif- tung. Wenn sie mir vom traurigen Schicksal kranker Kinder erzählt, denen die Stiftung

BILDER AUS GLÜCKLICHEN TAGEN Maria und Camilo mit Tochter Mia

CV: Ja. Ich bin ein totaler Bewegungstyp. Ich kann nicht still zu Hause herumsitzen. Die Schulterverletzung bremste mich im Golf ziemlich, sodass ich andere Sportarten wie Biken als Training ausübte. Das Biken lenkte mich von meiner Verletzung und der damit verbundenen Pause imGolf ab. Harte Arbeit und der volle Fokus haben mich als Golfer stets ausgezeichnet. Ich bin glücklich darüber, was mir Golf als Sportler und als Mensch gegeben hat. Umso mehr freue ich mich und bin extrem dankbar, dass ich mich wieder mit den besten Spielern auf der Tour messen kann.

hilft, ist es für mich manchmal zu viel. Es ist wirklich hart. Ich unterstütze die Stiftung und meine Frau, wo ich kann, bin aber nicht so intensiv eingebunden wie sie. Ich fokus- siere mich auf meine Golfkarriere. Dass wir mit der Stiftung Familien in ähnlichen Situationen helfen können, wie wir sie erlebt haben, erzeugt bei uns eine tiefe Befriedi- gung und Dankbarkeit. Das Lächeln anderer heilt gewissermaßen auch uns. Ist dieWeiterführung Ihrer Karriere als Golfer für Sie persönlich dabei eine Hilfe?

GOLF TIME | 6-2021 25

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